Die Fahrt von Divrigi nach Ilic (über Gedikbasi) ist wieder voller Natur und Stille und Berge, oft sind wir das einzige Auto weit und breit. Die Straße ist gut bis Ilic, wird dann schlechter und enger. Hinter Ilic sieht man weit unten im Tal den breit und träge und erdig braun dahinfließenden Euphrat in seinem großzügigen Bett. Plötzlich ist die Strecke gesperrt und man muß die ursprüngliche Straße umfahren. Wir erfahren später, daß hier aus einer staubigen Spur im Gestein 50 Tonnen Gold wurden. Jetzt sucht ein großer internationaler Konzern (Anatolia minerals) nach weiteren Vorkommen von Gold in der Gegend.
Wir winden uns langsam bergauf und fahren dann entlang eines atemberaubend engen Einschnitts zwischen den Bergen. Die Straße ist hier schmal, ohne Leitplanke, im Auto ist es still und konzentriert und gemeinsam gruseln wir uns bei dem Gedanken an Gegenverkehr. Wenig später öffnet sich der Weg in eine hügelige Hochebene. Wir halten an einer Cesme, einem Brunnen, am Wegesrand und wollen weiter an unserer großen Melone zu essen. Dort am Brunnen treffen wir eine junge Geologin und ihren Begleiter. Ihr Geländewagen steht am Straßenrand und sie wollen rasten und Mittagessen. Unser Hyundai Accent macht eine ganz schlechte Figur neben dem Geländewagen, scheint nur halb so hoch und halb so breit. Sie laden uns zum Essen ein und wir erzählen dabei ein bißchen vom Gold und was man dem kleinen Ort hier in den Bergen wünschen soll (weitere Funde oder nicht?), wer das Geld bekommt, wenn mehr Gold gefunden wird, wie viele Jahre man in der Regel so eine Mine ausschöpfen kann etc.? Wir erzählen auch, was wir weiter vor haben, welche Strecke wir nehmen wollen. Die Geologin rät von unseren Plänen nachdrücklich ab. Für die Strecke hinter Kemaliye über Cemisgezek nach Pertek bräuchten wir ein anderes Auto, große Höhenunterschiede, schlechte Straßen und das Wetter scheint heute nicht stabil. Ich kriege die Krise, denn jetzt ist man -wie so oft- wieder in der Zwickmühle. Gehört die Warnung zu der Kategorie der übertriebenen und unbegründeten türkischen Bedenken oder gibt es ein echtes Risiko und man sollte die Warnung ernst nehmen? Schimpfe ein bißchen mit Mine, sie soll nicht so viel fragen. Die Türken sind groß in magischem Denken und eher ängstlich, wenn es darum geht, sich in der Natur und außerhalb des bekannten Umfeldes zu bewegen. Wir hören so viele weit hergeholte kryptische Ängste und so viel unbegründetes Abraten, daß man oft Mühe hat, sich nicht verunsichert zu fühlen und man manchmal erst den Kloß im Hals loswerden muß, ehe man ohne Probleme tut, was man tun wollte. Hunde, die man nicht kennt, beißen oft. Seen, in denen man baden will, drohen fast immer mit Sog- und Strudelbildungen, die einen in die Tiefe reißen können. In den Bergen der Osttürkei ist die PKK, da kann man nicht hin. Überhaupt sollte man in den Osten des eigenen Landes nicht reisen, weil das gefährlich ist. Fremde heiratet man möglichst nicht, weil die häufiger schlecht sind als die eigenen Leute aus dem Dorf. Wir lassen die Sache mit unserer Route erstmal offen. Die Geologin ruft uns beim Losfahren hinterher, wir sollen das bitte nicht machen, die Strecke nicht fahren, sie würde die Gegend kennen wie ihre Westentasche. Da steht sie mit ihren Bergstiefeln und den Lupen um den Hals neben ihrem großen Geländewagen, der uns mittlerweile auch lieber wäre.
Die Straße ist zunächst weiter gut, es geht lange in Serpentinen runter in ein breites Tal, das dann zunehmend enger wird, bis steile Felswände rechts und links einen breiten braunen Fluß einmauern. In die Felswand gehauen läuft eine schmale Straße parallel zum Fluß. Kein Grün mehr zu sehen. Es ist diesig. Wir halten vor einem Tunnel, der in den Fels geschlagen ist. Bei der Fahrt durch den Tunnel tropft es von der Felsdecke auf das Auto. Auf der ganzen Länge des Tunnels sieht man den nackten Fels an Decken und Wänden, keine Pfeiler, keinen Beton. Hinter dem Tunnel kreuzen wir den Fluß über eine kleine Metallbrücke, dann kommt wieder ein Tunnel. Dahinter ist die Hälfte der Fahrbahn plötzlich verlegt durch große Steine und Felsbrocken, die offensichtlich aus der Wand stammen. Ein Schild fordert auf zu “Dur” (Stop). Wir trauen uns nicht, die Steine einfach zu umfahren, weil dahinter gleich eine Kurve kommt und man nicht sieht wie es dahinter weitergeht. Weit und breit kein zweites Auto und kein Mensch. Ich bleibe beim Auto und MIne geht los, den weiteren Verlauf der Strecke anzugucken. Endlich kommt uns doch ein Auto entgegen und wir fragen, wie es um die Straße im Verlauf steht. Kein Problem. Wir umfahren daraufhin das Hindernis und tatsächlich geht es bald normal weiter. Wir fahren immer bergauf. Unter uns wird der Euphrat immer breiter und wird offensichtlich wieder gestaut. Das Tal sieht schon bald aus wie ein stattlicher norwegischer Fjord. Steile Felswände, viel Wasserfläche und ein schmaler Streifen für das an den Fels gebaute Dorf Kemaliye, dem wir uns nach einigem Steigen nähern. Es ist ein wunderschöner Ort in toller Lage mit vielen alten Häusern. Es gibt sogar Möglichkeiten über nacht zu bleiben und ein bißchen touristsiche Infrastruktur (für den Inlandstourismus). Gerne wollen wir hier die Nacht verbringen. Um zu entscheiden, wie es am nächsten Morgen weitergeht, fahren wir aber erstmal weiter. Wollen mal sehen, was uns hinter dem Abzweig nach Baspinar und Cemisgezek erwartet. Dann können wir uns immer noch entscheiden, morgen über das sicherere Arapgir heimzufahren.
Die Fahrt bis zu der Aufzweigung ist so abenteuerlich für uns zarte, nicht bergerfahrene Fahrer, daß wir nicht nochmals zurückfahren wollen nach Kemaliye und uns auch zur Weiterfahrt auf dem sichereren Weg über Arapgir entschließen. Von der Strecke gibt es auch keine Fotos, weil der Blick auf der Straße klebte und Anhalten unmöglich war.
Wir wollen einen Berg hochfahren, mit dem Blick nehmen wir Maß an den Serpentinen, die sich den Berg hochschlängeln. Ein paar Windungen der Straße bergauf sieht man einen Mann mit einem großen, weißen geschulterten Sack, der bergan geht. Der helle Fleck seines Sackes bewegt sich rasch und glatt bergauf und wir gucken länger hin, ob nicht doch ein Esel mit der Last neben dem Mann hergeht oder er etwas neben sich herrollt. Nicht einmal bleibt er stehen und behält seinen schnellen Schritt unverwandt bei bis wir kurz hinter ihm sind. Keine Ahnung, woher er kommt, nix scheint in der Nähe, wo man hätte starten können und nix scheint in der Nähe, was aussieht wie ein Ziel. Als er unser Fahrzeug hinter sich hört, dreht er sich um und hebt die Hand mit gespreizten Fingern. Wir halten. Er will nach Arapgir und wir sagen er solle einsteigen. Der Kofferraum ist voll mit unseren Rucksäcken und er buggsiert den Sack und seine Tasche auf den Rücksitz. Mit seinem Setzen breitet sich der Geruch seiner unglaublichen Anstrengung schnell zwischen uns aus. Mine fragt, woher er kommt und was er in dem Sack hat. Er spricht nur gebrochen Türkisch. Er ist Kurde aus Diyabakir und wurde von einem Bekannten (als Tagelöhner) angeworben für eine Arbeit auf dem Bau hier in den Bergen. In dem Sack ist seine Matratze und sein Bettzeug und in der Reisetasche sicherlich ein paar Klamotten und sonstige Habseeligkeiten. Das Bild versetzt Mine in die Türkei vor 40 Jahren als viele arme Kurden aus Diyabakir nach Adana kamen, um dort als Landarbeiter und Erntehelfer in der Cukurova (fruchtbare Ebene zwischen Adana und der Mittelmeerküste, wo man drei- bis viermal pro Jahr Tomaten, Gurken, Zitronenan etc. ernten kann) zu arbeiten. Sie alle hatten so eine Bettstatt im Sack, die sie jederzeit ausbreiten konnten, um nach der Arbeit zu schlafen. Drei Tage hatte er jetzt schon dort gearbeitet und man hat ihm keinen Lohn gezahlt, deshalb ist er gegangen und will jetzt irgendwie zurück nach Hause. Er ist heute gestartet in Baspinar, was weit von unserem Treffpunkt entfernt ist und ist den ganzen Weg gelaufen, keiner hat ihn mitnehmen wollen mit dem Sack. Jetzt sitzt er bescheiden auf unserem Rücksitz. Mine muß sich auf die Straße konzentrieren und der Mann spricht nur sehr schlecht Türkisch, so daß wir schweigend durch die Landschaft fahren. Mine sieht im Rückspiegel ein paar ehrliche und bescheidene Augen. Ich biete dem Mann unsere Wasserflasche an und die Kekse, die wir im Auto hatten. Er bedankt sich und ißt langsam, fast ohne Geräusche und hat bestimmt nicht mal einen Krümmel fallen lassen. Man spürt etwas von der Kränkung, die es bedeutet, sich ohne den Lohn irgendwie nach Hause zu schlagen. Als wir fragen, wo wir ihn in Arapgir absetzen sollen, antwortet er “wo es möglich ist”. Als er seine Reisetasche umhängt und den Sack schultert, geht er wieder los mit ununterbrochenem und kräftigem Schritt. Bestimmt ist er ein ganz fleißiger und ausdauernder Arbeiter.
Nach so viel Einblick in das wahre Leben und die anstrengende Fahrt gehen wir zunächst in einen Teegarten in Arapgir. Kriegen zu dem Tee und Eis den Gartenschlauch und kühlen die Füße und Waden. Nach der Pause geht es weiter Richtung Keban. Auf dem Hinweg war die Landschaft so so schön mit dem in der Ebene liegenden Stausee umgeben von sanften Hügeln und inmitten von Kornfeldern und Wiesen und Gruppen von Bäumen. Jetzt liegt alles im Dunst und der Genuß ist nicht so groß. Gehen wieder gegrillte Forelle essen in Keban in der Nähe des Staudamms. Wir haben noch nicht die Forelle vor uns, da merken wir, daß der Euphrat bei weitem nicht so viel Wasser führt wie noch vor zwei Tagen als er ein imposanter blauer Fluß mit klarem Wasser und kräftiger Stömung war. Der Hahn ist abgedreht, die Brückenfüße ragen wie Stelzen aus dem Wasser. Bis wir die Forelle gegessen haben, ist aus der kleinen Sandbank eine große Sandbank geworden. Gluck gluck. Die schwimmende Forellenzucht ist in das verbliebene Wasser gezogen worden. Was für ein Eingriff in die Natur, wenn der Fluß über diese Ventile gebändigt wird. Dazu muß man wissen, daß wenige Kilometer weiter der Fluß noch einmal gestaut wird. Wir überlegen mit Einbruch der Dämmerung, hier für die Nacht zu bleiben. Der Opa des einen Kellners habe ein kleines Hotel über einer Bäckerei, heißt es. Wir müssen in dem kleinen Ort bestimmt sechsmal nachfragen, um es zu finden, weil die Wegbeschreibungen wieder unsäglich sind. Es ist voll. Probiert haben wir auch das Gästehaus des Staudammbetreibers und das Haus der Lehrenden (Ögretmen evi). Alles voll. Wir müssen also doch noch weiterfahren bis Elazig. Ganz erledigt kommen wir in Elazig an, finden unser Hotel im Dunkeln nur mit viel Verfahren und Nachfragen. Gehen wieder in unser Marathon Hotel. Als wir unser Auto vor dem feinen Viersterne-Hotel entleeren, um es in die Garage fahren zu lassen, türmt sich ein Berg auf dem Bürgersteig: die Rucksäcke, Bergstiefel, angeschnittene Reisenmelonen, sonstiger Proviant, CDs, lose Jacken. Wir kommen diesmal wie echte “Bitltourist” (Läusetouristen), so nennen die Türken die Rucksacktouristen. Ein bißchen peinlich.
Dienstag, 7. Juli 2009
26.6.09 Divriği
Wir gehen im Ort frühstücken, da es im Hotel nix gibt. Gerade gehen wir die Dorfstraße entlang, als unser Mann vom Vorabend aus einem Teehaus auf die Straße läuft und lauthals “Emine” ruft. Emine guckt sich kurz um, reagiert aber nicht und geht weiter. Ein bißchen zu distanzlos ist uns das.
Neben dem Burghügel, vielen schönen alten Häusern und einigen seldschukischen Gräbern sehen wir das Highlight der Stadt und sicherlich einen der baulichen Höhepunkte unserer Reise, die alte Ulu cami mit Darüssifa (Nervenklinik) der Stadt. Zu Recht ist der 800 Jahre alte Komplex UNESCO-Weltkulturerbe. Das ganze ist eine wunderbare bauliche Einheit, die Steinmetzarbeiten an den Eingängen sind handwerklich atemberaubend und höchst ungewöhnlich in der Gestaltung. Auch innen finden sich wunderbare Details an den Decken und herrliche Holzarbeiten an einer Tür und dem Mirhab. Wir sehen nur Einheimische, einen Japaner und zwei Franzosen während der Stunden unserer Besichtigung. Also noch ein Geheimtip. Wir sind begeistert wie von wenigem, was wir gesehen haben. Interessant ist auch, daß Nervenklinik und Moschee ein Gebäude darstellen. Die psychisch Kranken wurden hier behandelt, Besondere Musik, Vogelzwitschern und das Plätschern von Wasser sollten ihnen helfen, sich zu beruhigen. Wie schön man die Umgebung für sie gestaltet hat, wie ästhetisch. Auch hat man die Kranken aufgewertet durch diese Nähe zu der Moschee, diesem heiligen Ort.
Wir bummeln danach durch die Stadt, gehen in einem Restaurant gefüllte Paprika und Zuccini essen. Danach gehen wir erschöpft ins Hotel und machen dort einen Mittagsschlaf. Nach dem Erwachen fahren wir wieder raus, diesmal in Richtung Kangal. Bei Gewitterstimmung geht es hoch auf einen Paß (Karasar Gecidi), wo wir uns ins Grüne setzen und eine große Melone anschneiden. Sie ist wunderbar reif, reißt fast ein bißchen auf als Mine das Messer reinsteckt. Köstlich. Es fängt an zu regnen und wir fahren in wunderbaren, rasch wechselnden Lichtverhältnissen, zwischen Blitz und Donner langsam heim. Immer wieder halten wir und gucken das fantastsiche Lichtspiel an und fotografieren. Hören dabei eine CD aus dem Iran (Shajarian), die uns zudem in andere Sphären hebt. Verklärt von dem Naturschauspiel und der Musik erreichen wir die Stadt.
Halten, um ein paar Besorgungen zu machen und für morgen zu klären, wie wir aus der Stadt herausfahren müssen (Stadtplan haben wir nicht), um unseren Weg durch die Berge zu finden. Ich sehe und höre mir das Hin und Her zwischen Mine und dem Mann und den anderen, die dazu kommen und auch helfen wollen, eine ganze Weile an. Auch ohne ein Wort zu verstehen, spüre man die Sackgasse, in der sich alles bewegt. Es ist hoffnungslos. Es ist nicht möglich, daß ein Ortskundiger einem in Worten zu einer räumlichen Vorstellung verhilft. Wir müssen es einsehen. Bekommen aber Tee angeboten und man ist wieder äußerst liebenswürdig....
Am Abend sitzen wir auf der Terasse und wollen unser Mitgebrachtes essen. Wir breiten unser Küchentuch aus und beginnen Gurken zu schälen etc. Unser Mann vom Vortag versucht erneut eine Kontaktaufnahme, wir sind wieder nur sachlich und signalisieren keine Gesprächsbereitschaft. Er setzt sich an einen anderen Tisch und wir sehen aus dem Augenwinkel sein Agieren. Er spricht laut und raumgreifend mit seinem Gegenüber und man versteht auch von unserem entfernten Tisch das meiste gut, u.a. daß er aus der Gegend kommt und sie kennt. Mine bemerkt nach einigem Beobachten “ich wette, das ist ein Mensch vom Militär, irgendwas Höheres”. Wir rätseln, was für ein altes Bauwerk wir oben auf dem Berg in der Nähe der Burg von der Terrasse aus sehen. Unvorsichtigerweise fragt Mine den Mann danach als er an uns vorbeigeht. Jetzt ist das Eis gebrochen und er fragt, ob er sich zu uns setzten darf. Warum wir ihm gegenüber so distanziert waren gestern und heute morgen, wo er doch nur helfen wollte und uns mit rein brüderlichen Gefühlen entgegengetreten ist. Er ist ein bißchen gekränkt deshalb. Zudem bedauert er zutiefst und mit großer Eindringlichkeit, daß wir nicht vorher schon Vertrauen zu ihm gefaßt haben, er hatte vor, uns so viel in der Umgebung zu zeigen. Ob wir das auch wollen, fragt er gar nicht. Er möchte nicht, daß wir hinterher sagen, niemand hat uns in Divrigi bemerkt und sich um uns gekümmert. Das Gespräch vertiefte sich und wir erfahren, daß er tatsächlich beim Militär war, ein Commodore (?) auf einer Fregatte, mit der er 27 Jahre durch die Welt gereist ist. Jetzt war er seit gut 10 Jahren pensioniert, war aber erst 58 Jahre alt. Warum so früh pensioniert? Er findet, daß das reicht nach so vielen Jahren in der Fremde ohne Frau und Kind. “Nicht daß sie denken, ich hätte niemanden. In jedem Hafen hatte ich eine Geliebte, auch in Deutschland, sie hieß Margarete”. Er beschreibt Margarete: wie kann ein Mensch so blaue Augen haben und so blonde Haare. Also, er muß so an Margarete denken an diesem Abend, daß ihm die Nasenwurzel schmerzt (“burun diregi sizsladi”: ein wehmütiges, sehnsüchtiges Gefühl kann diesen ziehenden Schmerzan der “Nasensäule” oder sagen wir dem Nasenrückens oder der Nasenwurzel oder eben des Nasenbeins verursachen. Die Übersetzung ist nicht so ganz leicht, aber es ist interessant diese Empfindungsqualität dahin zu lokalisieren). Er betritt ein bißchen das Rührseelige und das Bedauern. Wir sind in Gedanken alle bei Margarete und den Fehlern, die man im Leben macht. Er ist ein ganz attraktiver, charismatsicher Mensch, der mit Inbrunst redet und gestikuliert und einem immer wieder auf den Unterarm tippt, wenn das Interesse zu erlahmen droht. Irgendwie ist er uns sympathisch in seiner weltmännischen Art, die auch ein bißchen jungenhaft und verloren ist. Er bedauert weiterhin sehr, nicht all die Touren in seinem Kopf mit uns gemacht zu haben. Wir bedauern das nicht so sehr, weil er so einnehmend und irgendwie anstrengend ist, er so viel Aufmerksamkeit braucht. Ja, das ist schwer, wenn man gewohnt war zu befehlen. Wir alle werden ein bißchen deformiert durch das, was wir lange gemacht haben und gewohnt waren.
Neben dem Burghügel, vielen schönen alten Häusern und einigen seldschukischen Gräbern sehen wir das Highlight der Stadt und sicherlich einen der baulichen Höhepunkte unserer Reise, die alte Ulu cami mit Darüssifa (Nervenklinik) der Stadt. Zu Recht ist der 800 Jahre alte Komplex UNESCO-Weltkulturerbe. Das ganze ist eine wunderbare bauliche Einheit, die Steinmetzarbeiten an den Eingängen sind handwerklich atemberaubend und höchst ungewöhnlich in der Gestaltung. Auch innen finden sich wunderbare Details an den Decken und herrliche Holzarbeiten an einer Tür und dem Mirhab. Wir sehen nur Einheimische, einen Japaner und zwei Franzosen während der Stunden unserer Besichtigung. Also noch ein Geheimtip. Wir sind begeistert wie von wenigem, was wir gesehen haben. Interessant ist auch, daß Nervenklinik und Moschee ein Gebäude darstellen. Die psychisch Kranken wurden hier behandelt, Besondere Musik, Vogelzwitschern und das Plätschern von Wasser sollten ihnen helfen, sich zu beruhigen. Wie schön man die Umgebung für sie gestaltet hat, wie ästhetisch. Auch hat man die Kranken aufgewertet durch diese Nähe zu der Moschee, diesem heiligen Ort.
Wir bummeln danach durch die Stadt, gehen in einem Restaurant gefüllte Paprika und Zuccini essen. Danach gehen wir erschöpft ins Hotel und machen dort einen Mittagsschlaf. Nach dem Erwachen fahren wir wieder raus, diesmal in Richtung Kangal. Bei Gewitterstimmung geht es hoch auf einen Paß (Karasar Gecidi), wo wir uns ins Grüne setzen und eine große Melone anschneiden. Sie ist wunderbar reif, reißt fast ein bißchen auf als Mine das Messer reinsteckt. Köstlich. Es fängt an zu regnen und wir fahren in wunderbaren, rasch wechselnden Lichtverhältnissen, zwischen Blitz und Donner langsam heim. Immer wieder halten wir und gucken das fantastsiche Lichtspiel an und fotografieren. Hören dabei eine CD aus dem Iran (Shajarian), die uns zudem in andere Sphären hebt. Verklärt von dem Naturschauspiel und der Musik erreichen wir die Stadt.
Halten, um ein paar Besorgungen zu machen und für morgen zu klären, wie wir aus der Stadt herausfahren müssen (Stadtplan haben wir nicht), um unseren Weg durch die Berge zu finden. Ich sehe und höre mir das Hin und Her zwischen Mine und dem Mann und den anderen, die dazu kommen und auch helfen wollen, eine ganze Weile an. Auch ohne ein Wort zu verstehen, spüre man die Sackgasse, in der sich alles bewegt. Es ist hoffnungslos. Es ist nicht möglich, daß ein Ortskundiger einem in Worten zu einer räumlichen Vorstellung verhilft. Wir müssen es einsehen. Bekommen aber Tee angeboten und man ist wieder äußerst liebenswürdig....
Am Abend sitzen wir auf der Terasse und wollen unser Mitgebrachtes essen. Wir breiten unser Küchentuch aus und beginnen Gurken zu schälen etc. Unser Mann vom Vortag versucht erneut eine Kontaktaufnahme, wir sind wieder nur sachlich und signalisieren keine Gesprächsbereitschaft. Er setzt sich an einen anderen Tisch und wir sehen aus dem Augenwinkel sein Agieren. Er spricht laut und raumgreifend mit seinem Gegenüber und man versteht auch von unserem entfernten Tisch das meiste gut, u.a. daß er aus der Gegend kommt und sie kennt. Mine bemerkt nach einigem Beobachten “ich wette, das ist ein Mensch vom Militär, irgendwas Höheres”. Wir rätseln, was für ein altes Bauwerk wir oben auf dem Berg in der Nähe der Burg von der Terrasse aus sehen. Unvorsichtigerweise fragt Mine den Mann danach als er an uns vorbeigeht. Jetzt ist das Eis gebrochen und er fragt, ob er sich zu uns setzten darf. Warum wir ihm gegenüber so distanziert waren gestern und heute morgen, wo er doch nur helfen wollte und uns mit rein brüderlichen Gefühlen entgegengetreten ist. Er ist ein bißchen gekränkt deshalb. Zudem bedauert er zutiefst und mit großer Eindringlichkeit, daß wir nicht vorher schon Vertrauen zu ihm gefaßt haben, er hatte vor, uns so viel in der Umgebung zu zeigen. Ob wir das auch wollen, fragt er gar nicht. Er möchte nicht, daß wir hinterher sagen, niemand hat uns in Divrigi bemerkt und sich um uns gekümmert. Das Gespräch vertiefte sich und wir erfahren, daß er tatsächlich beim Militär war, ein Commodore (?) auf einer Fregatte, mit der er 27 Jahre durch die Welt gereist ist. Jetzt war er seit gut 10 Jahren pensioniert, war aber erst 58 Jahre alt. Warum so früh pensioniert? Er findet, daß das reicht nach so vielen Jahren in der Fremde ohne Frau und Kind. “Nicht daß sie denken, ich hätte niemanden. In jedem Hafen hatte ich eine Geliebte, auch in Deutschland, sie hieß Margarete”. Er beschreibt Margarete: wie kann ein Mensch so blaue Augen haben und so blonde Haare. Also, er muß so an Margarete denken an diesem Abend, daß ihm die Nasenwurzel schmerzt (“burun diregi sizsladi”: ein wehmütiges, sehnsüchtiges Gefühl kann diesen ziehenden Schmerzan der “Nasensäule” oder sagen wir dem Nasenrückens oder der Nasenwurzel oder eben des Nasenbeins verursachen. Die Übersetzung ist nicht so ganz leicht, aber es ist interessant diese Empfindungsqualität dahin zu lokalisieren). Er betritt ein bißchen das Rührseelige und das Bedauern. Wir sind in Gedanken alle bei Margarete und den Fehlern, die man im Leben macht. Er ist ein ganz attraktiver, charismatsicher Mensch, der mit Inbrunst redet und gestikuliert und einem immer wieder auf den Unterarm tippt, wenn das Interesse zu erlahmen droht. Irgendwie ist er uns sympathisch in seiner weltmännischen Art, die auch ein bißchen jungenhaft und verloren ist. Er bedauert weiterhin sehr, nicht all die Touren in seinem Kopf mit uns gemacht zu haben. Wir bedauern das nicht so sehr, weil er so einnehmend und irgendwie anstrengend ist, er so viel Aufmerksamkeit braucht. Ja, das ist schwer, wenn man gewohnt war zu befehlen. Wir alle werden ein bißchen deformiert durch das, was wir lange gemacht haben und gewohnt waren.
25.6.09 Divriği
Wir holen morgens voller Freude und Erwartung unser Auto ab. Alles ist recht problemlos. Wir bergen mit unserem silbernen Hyundai Accent (70 NTL = knapp 35 Euro pro Tag) erstmal unser Gepäck aus dem Hotel, fahren dann Tanken (Schluck). Schmeißen CD ein, machen Klimaanlage an und los geht es. Fahren durch die Berge nach Keban. Kaufen dort alles ein zum Picknick. Von Keban aus geht es am Staudamm vorbei auf einer Schotterstraße runter zum Euphrat, einem breiten kräftigen Strom mit blaugrünem klaren Wasser. Wir fahren über eine Brücke und halten zum Betrachten an einem Forellenrestaurant. Wir nehmen die Einladung an und essen im Garten mit Blick auf den Fluß gegrillte Forelle mit Salat. Wunderbar. Bester Laune geht es mit Blick auf den Stausee weiter. Fahren immer mal von der Straße in Feldwege und genießen es ungemein, überall hinzukommen zum Gucken und überall halten zu können zum Fotografieren. Der See liegt inmitten einer Hügellandschaft, eingebettet in Felder und Wiesen. Sehr schön. Wir fahren weiter Richtung Arapgir. Hinter dem Ort wird es immer bergiger. Wir Rasten nach längerer Fahrt nochmals in dem Dorf Gignir. Wir sehen am Hang ein kleines Teehaus, ein paar Tische und Stühle draußen vor einem Haus. Wir halten und finden eine Mischung aus Teehaus und Laden und Dorftreffpunkt. Wir orientieren uns kurz und machen uns bekannt. Tee ist noch nicht fertig, wir sollen doch so lange ihr schönes Dorf angucken. Die Kinder können uns führen. Das tun sie gerne und bringen uns zu einem kleinen Dorfplatz, an dem eine Quelle aus dem Fels entspringt unter uralten Bäumen. Der Platz ist wunderschön, das Wasser klar und kalt. Wir gehen zurück in einem Bogen um das Dorf, auf einem alten Dorfweg., auf der einen Seite kleine, dicht an dicht stehende Häuser, auf der anderen Wiesen und Gärten. Ein Mann kommt uns mit einer Leiter unter dem Arm entgegen, will in seinen Garten. Auf unserer Höhe stellt er sie ab und will ein bißchen mit den Fremden erzählen. Er läd uns ein, bei ihm und seiner Frau zu bleiben, ihr schönes Dorf zu genießen und morgen erst weiterzufahren. Wir sollen schon mal vorgehen zu seiner Frau, er muß kurz in den Garten und kommt dann nach. Der Junge bringt uns zu der Frau, wir sagen “Guten Tag” und werden herzlich empfangen. Ja, wir sollen doch Tee im Garten trinken mit ihnen und bleiben. Wir gehen aber doch weiter, obwohl der Gedanke verlockend ist. Die Kinder wollen fotografiert werden vor ihrem Dorf. Das machen wir. Wieder im Teehaus am Ortseingang trinken wir Tee und essen Kekse, plaudern ein bißchen. Die Männer spielen Karten, ein paar Kinder lungern rum und ein paar Jugendliche kommen vom Angeln und Baden im Fluß und wollen was trinken im Haus. Wir wollen weiter. Wie weit noch nach Divrigi? Anderthalb Stunden. Kein Problem. Wir fahren und fahren und fahren, bergauf und bergab, auf einsamen Straßen, entlang tausender Schlaglöcher. Irgendwann winden wir uns hoch auf die Saricicek Yalyasi, eine hoch gelegene Alm mit Blick auf die Munzur Daglari. Wahnsinnig schöne Landschaft im Abendlicht. Wir schauckeln den holprigen Weg entlang als wir plötzlich mehrere Zelte sehen. Wir denken an Nomaden und werden neugierig. Man sieht Gehege für die Tiere, umherlaufende Hühner und Kinder, Zelte zum Leben. Vor einem Zelt sitzen drei Frauen verschiedenen Alters auf der Erde, sehen bunt aus, schälen Kartoffeln. Wir fahren langsam vorbei und drehen die Hälse nach ihnen um, beugen die Köpfe ünter den Holm der Tür, um sie am Hang zu sehen. Sie winken uns zu kommen und wir winken zurück, parken das Auto und gehen zu ihnen. Die Frau aus dem Nachbarzelt kommt gleich dazu und bringt uns Ayran von den eigenen Tieren. Es stellt sich heraus, die Leute sind keine Nomaden, aber aus einem Dorf aus Malatya. Sie sind hier heraufgekommen wie jedes Jahr, um mit ihren Tieren hier, wo es Futter gibt, zu leben - viele Wochen mit Kind und Oma und Ziegen und Schafen. Sie zeigen uns den Käse, den sie machen und ihre Zelte. Die Hühner sind überall, gerne hocken sie auf den Verspannungen der Zelte und träumen vor sich hin, in der Sonne trocknen die Töpfe. Die Menschen haben unglaublich weiße Zähne. Wir fragen, wie sie das machen. Wissen sie auch nicht. Aus irgendeinem Grund herrscht ausgelassene Sympathie, Wangen werden getätschelt, Hände gehalten, Augen zum Lachen gebracht auf allen Seiten. Für die kurze Zeit freudiges Beieinandersitzen hier oben mit dieser gigantischen Aussicht. Wir sollen bleiben und morgen weiter fahren. Eigentlich gerne. Wir fahren aber besser doch weiter. Wie weit noch bis Divrigi? Eine Stunde. Oh, doch noch. Wir verabschieden uns warm und herzlich, werden noch ans Auto gebracht. Leider, leider vergessen wir, den Menschen unsere (noch nicht angeschnittene, große) Melone zu schenken. Das wäre hier oben eine schöne Abwechslung für alle gewesen. Schade. Wir fahren durch eine berauschende Landschaft, endlose Berge, kaum eine Menschenseele. Irgendwann stellen wir fest, daß sich der Rausch doch sehr, sehr zieht, keine Divrigi in Sicht, wir schaukeln und holpern in Schneckentempo die Pisten entlang, selbst auch schon müde und staubig und matt vom Abbremsen vor den Widrigkeiten des Weges und dem Beschleunigen in dem Versuch doch noch vorwärts zu kommen. Es endet nicht. Langsam kommt die Dämmerung, was die Sache nicht bessert. Wie viel Hügel noch? Man könnte den Accent doch vielleicht etwas herzhafter über die Unebenheiten jagen. Doch nicht gemacht. Völlig ermattet erreichen wir nach Stunden Divrigi und fragen uns durch nach einem Hotel (unser Führer erwähnt die Gegend nicht). Wir landen im Tasbasi Hotel der Stadt (Belediye Hotel). Vor dem Hotel will uns ein hochgewachsener sportlicher Mann beim Ausladen helfen. Nicht nötig und bitte nicht ansprechen. Tut er doch. Verwickelt Mine in ein erstes Gespräch nach dem woher und wohin und bietet wieder seine Hilfe an. Er ist uns ein bißchen forsch und für unsere Müdigkeit ein wenig zu munter. Und Tschüss. Wir gehen ohne ihn auf die Terrasse des Hotels und essen das Mitgebrachte. Todmüde zu Bett. Mine wieder mückenaktiv.
24.6.09 Elazığ
Heute Lustlosigkeit und die Hitze macht uns antriebslos. Wir kümmern uns dennoch um die Sache mit dem Autoverleih, denn gerne möchten wir das obere Euphrattal erkunden, wo mit öffentlichen Verkehrsmitteln wenig geht. Fahren dann mit dem Bus zum Museum für Archäologie auf dem weitläufigen Unigelände. Leider ist das Museum wegen Renovierung geschlossen. Fragen uns dann durch zum Bus in Richtung Hazar Gölü (ein See). Unterwegs steigen wir kurz hinter dem Abzweig Richtung Sivrice am See aus. Es ist ein großer natürlicher See mit wunderbar klarem Wasser, der hier vor einer Bergkette liegt. Wir baden und suchen dann eine Lokanta auf, die wir ein Stück entfernt sehen. Als wir sie erreicht haben, erkennen wir, daß sie nicht bewirtschaftet ist. Stattdessen betrachten ein paar Leute vom Forstamt von dort oben die Gegend. Während wir uns mit ein paar Maulbeeren vom Baum über die Enttäuschung mit dem fehlenden Kaffee und Kuchen und Eis trösten, kommt ein erstes Gespräch auf. Sie laden uns ein zum Tee trinken. Wir lehnen dankend ab. Im Laufe des Gespräches stellt sich aber heraus, daß Tee gerade fertig ist und wir gehen mit ihnen. Es sind vier Mitarbeiter vom Forstamt, allesamt Kurden. Was genau ihre Aufgabe ist, ist schwer zu sagen. Sie sollen aufpassen wegen Waldbränden und sie melden. Ein Fernglas haben wir bei ihnen nicht gesehen. Die Angst vor Waldbränden führt auch nicht zu einem Verbot des Grillens, was fast alle unten auf dem Platz tun. Baden tun auch viele, oft ohne Schwimmen zu können. Beim Rumpuddeln ertrinken dabei in jeder Saisaon etliche Menschen hier. Wir fragen, ob sie angesichts dessen ab und zu Rettungsversuche unternehmen müssen. Nö, sie sind für den Wald da. Ach so. Zeit für Gäste haben sie offensichtlich, das muß sein. Ehrensache. Es sind ausgesprochen nette Menschen, die hier zu viert immer für drei Tage am Stück bleiben. Sie sitzen in einer Reihe auf ihren Stühlen uns gegenüber auf der Veranda. Wir bekomen aufgetischt: gegrilltes Hühnchen (die Männer waren gerade fertig mit essen), Käse, Brot, gegrillte Tomate und Paprika, frische Tomate und Gurke. Danach Tee und Obst. Wir wurden gut unterhalten. Die Männer waren mit der Arbeit und ihrem Leben als Kurden in der Türkei sehr zufrieden, konnten nicht recht verstehen, was viele Kurden wollten und bemängelten. Nach den Stunden mit uns (so ein Essen dauert ja) ging es für sie runter an den See zum Angeln (trotz Schonzeit der Fische und Verbot). Je nach Fang (war heute gut) dann wieder Grillen. Nach ein paar Fotos verabschieden wir uns dankend. Gehen noch ein bißchen um die Bucht und Baden beim Sonnenuntergang nochmal. Fahren dann mit dem Dolmus zurück nach Elazig. Gehen dort in ein “Fastfood-Restaurant” und sitzen mit schöner Aussicht über die Innenstadt auf der Außenterrasse. Auf den Fotos von dort sehen wir aus, als säßen wir in einer amerikanischen Großstadt auf dem Balkon.
23.6.09 Elazığ
Nach dem Frühstück fahren wir mit dem Bus in das nahegelegene Harput, eine 2000 Jahre alte Stadt auf einem Hügel über Elazig. Sie war ein wichtiger Posten an der Seidenstraße. Von dort haben wir einen tollen Ausblick über die weite Ebene und die Stadt. Viel Getreide wird hier angebaut, sodaß die vorherrschende Farbe die von ockerfarbenen Getreidefeldern ist. All das ist möglich geworden durch das Wasser des nahgelegenen Kebanstausees. In Harput besichtigen wir die syrisch orthodoxe Meryem Ana Kilise (= Kirche, allerdings nur von außen), die Ruinen der alten Burg, alte Gräber, ein wunderbar als Museum restauriertes altes Konak, ein Hamam und die Ulu cami (große Mosche). Ein großes Glück ist ein Laden mit altem Silberschmuck. Wir stöbern nach Herzenslust und tischen mutig auf dem Tresen auf, was uns gefällt. Angesichts der genannten Preise, die wir hier am Ende der Welt so nicht erwartet haben, vergeht uns aber der erste große Appetit und wir ziehen mit leeren Händen von dannen. Schon wieder. Besorgniserregend. Dafür essen wir bei guter Aussicht Icli Köfte und eine Spezialität aus Harput, ein hauchdünner (Strudel-)Teig mit Käsefüllung und darüber scharfer Joghurt-Knoblauchsosse. Wir wollen die Verhandlungen in unserem Schmuckladen für zwei zurückgelegte Teile wieder aufnehmen. Eine Mitfahrgelegenheit nach Elazig läßt uns aber kurzentschlossen den Berg herunterrollen, sodaß wir die Verhandlungen nicht abschließen können. Mine verbringt die Nacht im Kampf gegen die Mücken und mit dem Colognefläschchen auf der Bettkante (“es juckt, juckt, juckt”), wovon ich erst am nächsten Morgen berichtet bekomme. Sie mögen sie halt lieber.
22.6.09 Elazığ
Heute heißt es wieder abreisen. Nach dem gemeinsamen Frühstücken packen wir zu dritt die Koffer, auch Nihal muß packen, da sie nach Canakkale zu ihrem Mann und dem ersten Teil der Hochzeit dort am 7.7.09 fährt. Servet, ihr Schwager und ein anderer Verwandter holen uns ab. Die selbstverständliche und fast permanente Nähe (wenn der Schwiegervater nicht gestorben wäre, hätten wir jeden Tag gemeinsam verbracht) dieser liebenswürdigen Menschen strahlt eine Entschlossenheit aus, die dazu führt, sich halb behütet, halb bewacht zu fühlen. Nihal ist aber ganz unbekümmert und scheint das zu kennen und unbedenklich zu finden. Wir könnten das nur kurz ertragen. Alle bleiben bis unser Bus kommt und wir sicher verstaut sind. Die Busfahrt nach Elazig ist für das Auge wieder angenehm kurzweilig, führt wieder durch viele Berge, entlang an Seen und Flüssen. In Elazig fahren wir vom Busbahnhof zum Hotel Marathon. Gehen dann auf einen ersten Erkundungsgang durch die nette Stadt, essen und kaufen einen kleinen Rucksack für mich, da der alte den Geist auf gibt.
21.6.09 Solhan
Ein schöner Morgen. Wieder trinken wir Kaffee im Bett und lesen dabei über Elazig, unser nächstes Ziel. Eigentlich wollte Nihals Schwager uns zu einer Sehenswürdigkeit in der Nähe fahren. Heute ist aber plötzlich sein Schwiegervater gestorben und vieles muß erledigt werden und das Haus ist voller Gäste. Das geht natürlich vor. Wir machen stattdessen mit Nihal einen Spaziergang, der unmittelbar hinter ihrer Schule beginnt. Nach kurzer Strecke kommen wir in ein kleines Dorf, sehr schön gelegen zwischen den Feldern auf einem Hügel. Die alten Häuser sind urig. Ein Bauer kommt mit seinem Traktor und darauf seinen Helfern von der Arbeit nach Hause. Er läd uns freudig ein, mit ihm Ayran zu trinken. Wir lehnen dankend ab, wollen noch ein bißchen gehen und schlagen die Richtung über die Wiesen ein. Zwei Männer sensen im Gleichklang, schärfen alle paar Minuten das Blatt der Sense. In der Nähe steht ein Mann, den wir fragen, wo wir wieder auf einen Weg kommen werden. Er hat einen wenige Wochen alten Hund bei sich, den ich erstmal ausgiebig kraule. Er und ich, wir genießen das ungemein. Der Mann schickt seine beiden Jungen mit uns mit, uns den Weg durch die blühenden Wiesen zu zeigen. Der Hund folgt. Wir gehen entlang kleiner Pfade, begleitet von dichten Kricks und Hecken und langen Reihen alter Weiden, die einen Bach säumen, der durch die Wiesenlandschaft läuft und feuchte Senken hinterläßt. Es ist wunderschön hier. Die Jungen begleiten uns, bis wir in einen alten Dorfweg einmünden. Er ist gesäumt von ebenfalls Hecken und Bäumen, hier und da führt ein Gatter in einen Garten. Die Jungen verlassen uns. Zunächst zu unserer Belustigung, später mehr und mehr zu unserer Ratlosigkeit folgt uns der kleine Hund. Die Jungen bedeuten dem Hund den Weg hinter uns her und gehen rasch weg. Der Kleine ist fortan dabei, nichts kann ihn abschütteln. Arglos ist er und das Beste von uns annehmend, den Kraulern und Lächlern, die wir sind. Was machen wir nur? Seine kleine Hundeseele so finster hintergehen? Ihn abhängen und damit quasi aussetzen? Mine spricht eindringlich zu ihm und weist mit dem Finger zurück, beugt sich dabei runter zu ihm, die Hände auf die Knie gestützt und findet ihn auch süß. Ich weiß auch nicht mehr, was ich wünchen soll. Daß einen jemand, z.B. der Hund, vor vollendete Tatsachen stellt und fortan dabei ist? Wir Menschen gehen durch ein Gatter und schließen es hinter uns, er quält sich darunter hindurch. Wir sind ratlos, denn wir sind schon weit entfernt von seinem Heim gemessen an seiner Schrittlänge. Müde wird er auch. Wahnsinnig gern hätte ich Dich, höre ich eine Stimme in mir. Er kann nicht mehr mithalten, der Abstand zwischen ihm und uns vergrößert sich. Ihn einfach zurücklassen? Liderlich. Ich weiß schon nicht mehr ein noch aus, als er auf ein paar Kinder trifft die ihn auch süß finden und sich (hoffentlich) seiner annehmen und nachgiebige Eltern haben könnten. Kommen irgandwann wieder an der Schule heraus und Nihal ist begeistert von ihrer nahen Umgebung, die sie auch nach mehreren Jahren in Solhan nicht kannte. Gehen Eis essen im Ögretmenevi. Lernen dabei zwei ihrer Kollegen kennen. Danach kaufen wir ein fürs Abendbrot und holen Tickets für uns für den Bus morgen nach Elazig. Kochen gemeinsam Auberginensalat mit Knoblauch und Käsepide.
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