Ramazan hat entschieden, daß der Besuch heute zurückfährt. So kommt es. Serife ist wieder früh auf, sie ist das gewohnt, weil sie um diese Zeit immer zu Hause im Dorf ihre Tiere versorgt. Ich verstehe. Jeden frühen Morgen und so auch heute füllt sie die Wohnung in Ermangelung ihrer Tiere mit ihrem bienengleichen, schwindelerregenden Fleiß. Nehmen wir den Balkon. Eine Türkin wischt den Balkon nicht, nein, sie wäscht ihn. Wenn möglich spritzt man ihn komplett mit dem Schlauch ab. Geht das nicht, tun es ein paar Eimer Wasser, die man auf ihm ausschüttet und dann wird mit dem Besen geschrubbt. Auf jeden Fall ist Saubermachen in der Türkei immer eine feuchte bis naße Angelegenheit. Also Serife wäscht den Balkon und wischt schon morgens feucht die Böden. Selten daß ich den Boden in der Toilette in den letzten Tagen einmal trocken gesehen habe. Hartnäckige Flecken, die bislang einfach akzeptiert wurden, sind plötzlich verschwunden und anderen wird gerade zu Leibe gerückt. Der Kalk im Wasserkessel fehlt auch. Der Tisch wird gedeckt, Kartoffeln gebraten (das ist lecker und so üblich in der Region Düze, aus der sie kommt). Sie ist nicht zu bremsen, findet nichts anstrengend. Die zwei Honige, die wir hatten, sind zusammengeschüttet, das freie Glas beherbergt jetzt den Pfeffer. Der Kühlschrank wird durchgeguckt und großzügig entsorgt, was nicht mehr absolut erscheint. Nach Serifes getanem Morgenwerk sitzen wir gemeinsam beim Frühstück. Als sie zuerst fertig ist, greift sie nach ihrem Teller, um den schon mal abzuräumen und weiterzuwirtschaften. Ich halte sie am Arm und bedeute ihr sich wieder zu setzen. Es geht nicht anders. Immer ist der kräftige Arm leicht feucht vom Feuer der Aktivität. Ramazan holt jeden Morgen eine pralle Tasche mit frischem Brot und Teilchen aller Art. Einwände von protestantisch geprägten Westfalen, daß kein Mensch so viel essen kann und man hinterher so viel wegschmeißen muß, verklingen gehört, aber können nicht berücksichtigt werden. Wir frühstücken also wieder königlich in großzügigem Saus und Braus.
Danach brechen die Gäste auf mit zehn Kilo frischen Zitronen im Gepäck als kleines Geschenk von Ramazan für zu Hause. Wir bleiben zu dritt zurück. Nach dem Abwasch und als die erste Maschine Wäsche läuft, setzten Mine und ich uns aufs Sofa und lesen und tippen ein bißchen. Ramazan ist bester Laune und pfeifft und will auf den Markt gehen, um zu gucken, ob es dort schon frische Feigen gibt. Er zieht los. Als er zurückkommt - bitte keine Einwände oder Zurückweisungen - verschwindet er in der Küche, räumt dort, rückt dann den Beistelltisch vor unser Sofa und serviert fröhlich ein riesiges Tablett mit frisch gewaschenem Obst: Kirschen (noch von Mines Mutter), Bananen aus Anamur, Trauben aus Side, Pfirsiche, Aprikosen aus Nigde, drei Sorten Pflaumen. Es sieht prächtig aus und wir machen Fotos auf dem Sofa mit dem Obst vor uns. Mine und ich genießen. Ramazan muß nochmals auf den Markt. Er kommt strahlend und schwitzend wieder mit zwei stattlichen Honigmelonen und vier Kilo frischem Fisch. Im Waschbecken machen sie eine gute Figur und wir hören nicht auf zu staunen und uns zu wundern angesichts des Lammfleisches, das wir noch im Kühlschrank wissen. Mine hat Hunger und Appetit auf Linsenköfte. Nur eine kleine Portion soll es werden. Ich meine, es fehle hier in der Küche mittlerweile die Übersicht. Mine fängt schon mal mit den Linsen an. Ramazan geht wieder los und will noch Petersilie besorgen zum Fisch. Er kommt summend wieder mit vier (!) Wassermelonen. Während ich noch an einer Pflaume knabbere, sehe ich mit eigenen Augen wie er die erste anschneidet zum Probieren. Salat hat er auch gekauft und Minze und viel, viel Rukola und noch Frühlingszwiebeln und etliche Paprika. Es soll niemandem der unter dem Dach seiner Gastfreundschaft lebt an irgendwas fehlen, vor allem fehlt es Ramazan nicht an Großzügigkeit und Fürsorge. Beklommen sehe ich dennoch, was unvermeidlich scheint und warte ab, ob sich das Knäul aus Lebensmitteln wieder entwirren wird. Ich weiß nicht, aber wenn ich mehr Essen sehe, als ich meine bewältigen zu können, macht mich das unruhig und ratlos und irgendwie traurig. Ich habe nie so ein Inferno von Eßbarem gesehen. Ich werde üblicherweise schon nervös, wenn Mine einen Weiß- und einen Rotkohl und vier Auberginen bringt. Meine Oma hatte immer Quark, ein Glas Apfelbrei, Butter, Dosenmilch und Scheiblettenkäse, wenn es hoch kam noch eine der kleinen Reinert Sommerwurst im Kühlschrank und eine angebochene Flasche Stonsdorfer für Gäste. Das wars. Kam man unerwartet zu Besuch, durfte man bei “Busekros” im Laden nebenan oder beim Bäcker oder Metzger holen, was das Herz begehrt. Aber das war gar nicht so viel, was das Herz begehrt. Beim Essen brauche ich etwas Übersicht, das ich es bewältigen kann, sonst kriege ich Schuldgefühle und Versündigungsgedanken, denn jeder weiß, daß bald schon das große Entsorgen kommt. Zugegeben es ist schwer und erfordert viel Durchsetzungskraft in diesem Land der großen Familien kleine Mengen zu kaufen. Der Wunsch nach 250g Gehacktem löst Unverständnis aus. Was kann man damit machen? So ist es aber auch, wenn man mir einen Strauß Petersilie gibt, den ich nur mit zwei Händen halten kann. Da weiß ich dann auch nicht weiter. Im übrigen gibt es bei Obst und Gemüse Preise für ein Kilo, zwei Kilo, drei Kilo, besser fünf Kilo. Weniger als ein Kilo, die man zum Abwiegen gibt, sind schwierig. Möglichkeit A: der Händler füllt von sich aus auf bis das Kilo voll ist. Möglichkeit B: er schenkt Dir die Ware, weil er sonst zu lange mit den kleinen Gewichten hantieren muß, um rauszufinden, was drei Zitronen wiegen oder weil er auch nicht weiß was 400g kosten, wenn 1 Kilo doch soundsoviel kostet oder er ist einfach großzügig und hält das alles für nicht der Rede wert. Aber ehrlich für die Bauern oder Bäuerinnen, die irgendwo ihren kleinen Stand haben ist Rechnen oft ein schmaler Grat.
Wir essen die leckere Köfte und nach dem Kaffee gehen Mine und ich an den Strand. Als wir wieder kommen haben wir zwei weitere große Honigmelonen dazubekommen, zugegeben sie riechen besonders gut und einen Beutel sehr saftige Birnen.
Wir braten die köstlichen Doraden (man muß ja irgendwo anfangen) und haben einen sehr vergnüglichen Abend.
Samstag, 25. Juli 2009
15.7.09 Erdemli
Fahren bei Erdemli in die Berge, entlang der Zitronenplantagen, die auch Bananen und Feigen und Orangen und Granatäpfel beherbergen. Oben im Wald gibt es eine äußerst eriebige Wasserquelle, die eine verzweigte Bachlandschaft speist. Ursprünglich drängte das Wasser unter oder neben einer uralten Platane (Dedekavak) ans Licht. Die gibt es jetzt nicht mehr, aber das Wasser fließt und fließt weiter. Man hat nur eine vage Vorstellung wie das möglich ist und wo das Woher liegt und was zum Warum reicht. Unter schattigen Bäumen (meist Ahornplatanen) sind viele Holzlauben aufgestellt mit Sitzkissen und niedrigen Tischen, z.T direkt auf Stelzen über den Bach gebaut. Ramazan findet im Bach eine Wasserschildkröte. Er hebt sie hoch. Kaplumbag (türkisches Wort für Schildkröte). Sude will danach die Füße nicht mehr in den Bach halten. Hat Angst. Als wir die Schildkröte wieder ins Wasser setzen, wird sie von dem kräftigen Strom mitgerissen, dreht sich dann aber entgegen der Fließrichtung und findet Halt an einem Stein und wird da wieder zum kopflosen Stein, erholt sich von den Aufregungen des Herausgerissenseins. Zwei Flußkrebse sehen wir. Wir trinken Tee, essen später gegrillte Forelle und Rukolasalat. Ich finde endlich die Funktion schwarz-weiß Bilder zu machen an meiner Kamera. Das ist der Durchbruch. Super. Mache ganz viele Bilder von den Personen und den Lauben, auf die das scheckige Licht aus dem Laub der Bäume fällt und den Bächen, von den nassen Füssen von Emine und Sude.
M schläft währenddessen zu Hause, “ liegt wie eine Melone”, dieser blasse Mann wie immer von irgendetwas zu Tode erschöpft. Mine geht mit Serife und Sude später zum Meer. Die Männer spielen Karten am Pool. Ich lese ein bißchen zu Hause, merke aber schnell, daß die ersehnte Ruhe alleine zu Hause überhaupt keinen richtigen Spaß macht. Bin froh, als alle wieder da sind und tolle mit Sude rum.
M schläft währenddessen zu Hause, “ liegt wie eine Melone”, dieser blasse Mann wie immer von irgendetwas zu Tode erschöpft. Mine geht mit Serife und Sude später zum Meer. Die Männer spielen Karten am Pool. Ich lese ein bißchen zu Hause, merke aber schnell, daß die ersehnte Ruhe alleine zu Hause überhaupt keinen richtigen Spaß macht. Bin froh, als alle wieder da sind und tolle mit Sude rum.
14.7.09 Erdemli
Mine geht mit Serife einen Badeanzug kaufen und dann fahren wir alle zusammen an einen herrlicher breiten Strand auf der Landzunge vor Silifke (östliche Seite). Es sind wenig Leute da und es geht relativ flach ins Wasser, was gut ist für Serife, die nicht schwimmen kann. Ramazan schwimmt raus bis man nichts mehr von ihm sieht und kommt nach langer Zeit erst wieder, er ist wie ein Fisch. Sein Freund schläft im Schatten. Man muß sich Sorgen machen um ihn. Wir gehen in das herrliche klare Wasser und verbringen dort den größten Teil des Tages. Serife genießt das für sie ungewohnte Meer und Sude klebt wie ein glücklicher Saugnapf mal an ihrer Oma, mal an Mine, mir oder Ramazan. Wir baden und baden und tauchen. In der Sonne hält man es auch trotz Schirm nicht lange aus. Es kommt bei allen zum Farbumschlag in vertieftes Braun . Benommen fahren wir nach vielen Stunden Sonne heim. Zu Hause machen wir Auberginensalat und Linsensuppe und Lammspieße und haben es schön zusammen.
13.7.09 Erdemli
Am nächsten Tag fahren wir alle gemeinsam nach Kanlidivane, den Rouinen des antiken Kanytela am Rande einer tiefen Einsturzdoline (Obruk). In der sengenden Hitze zeigen wir uns dennoch alle interessiert und scheuen keine Schweißperle. Nur unseren immer matten und krank wirkenden M (Ramazans alten Freund) lassen wir im Schatten eines Baumes am Auto zurück. Steigen auch in das tiefe Loch, um ein Relief in der Felswand anzugucken.
Dann geht es weiter in die zwei sogenannten korykischen Grotten, auch “Paradies und Hölle” oder “Cennet ve Cehennem” genannt. Laut griechischer Sage wurde hier von der Erdmutter Gaia das hundertköpfige Ungeheuer Typhos geboren. Typhos begann einen langwierigen Kampf gegen Zeus. Schließlich begrub Zeus Typhos lebendig unter einem Stein/einer Insel. Das war Sizilien. Der Feueratem des unsterblichen Ungeheuers wurde zum Ätna. Über hunderte Stufen steigen wir in die tiefe Einsturzdoline, wie an der Wand einer vor Jahrmillionen eingestürzten Höhle entlang, gelangen auf den Boden des gigantischen Lochs, an dessen Boden ein Wald aus alten Bäume steht. Von dort geht es im Halbdunkel über feuchte glitschige Stufen weiter in die angrenzende große Grotte. Wir machen schöne Bilder aus der feuchten dunklen Grotte in den dunstigen heißen Tag hinein, durch den die Menschen uns entgegen in die Tiefe steigen. Nach dem Aufstieg sind wir schweißnaß und stärken uns alle mit kühlem schaumigem Ayran.
Danch fahren wir weiter in eine sehr schöne Tropfsteinhöhle (Astim Magarasi) und suchen auch hier alle Ecken ab.
Nach so viel Besichtigungen wollen wir in die Natur. Wir fahren entlang eines tiefen langgestreckten Tals bzw. einer Schlucht im Taurus, die der Lamasfluß gebildet hat, durch die grüne Landschaft. Wir kommen an den sogenannten “Doktorsplatz”. Hier entspringt in den Bergen ein wunderbarer, kräftiger, klarer Fluß unter prächtigen alten Bäumen. In seinen breiten Lauf wurden in das flache Wasser kleine Holzinseln auf kurzen Stelzen gebaut, durch Stege verbunden. Hier saßen wir inmitten des kühlen Wassers nahe einer Felswand im Schatten und haben Lammkotletts und Salat gegessen. Danach gab es die mitgebrachten Kirschen von Mines Mutter und Tee. Mine und ich und Sude spielen ein bißchen am/im Wasser und Sude und ich üben später Zählen auf Türkisch mit Mines Hilfe.
Dann geht es weiter in die zwei sogenannten korykischen Grotten, auch “Paradies und Hölle” oder “Cennet ve Cehennem” genannt. Laut griechischer Sage wurde hier von der Erdmutter Gaia das hundertköpfige Ungeheuer Typhos geboren. Typhos begann einen langwierigen Kampf gegen Zeus. Schließlich begrub Zeus Typhos lebendig unter einem Stein/einer Insel. Das war Sizilien. Der Feueratem des unsterblichen Ungeheuers wurde zum Ätna. Über hunderte Stufen steigen wir in die tiefe Einsturzdoline, wie an der Wand einer vor Jahrmillionen eingestürzten Höhle entlang, gelangen auf den Boden des gigantischen Lochs, an dessen Boden ein Wald aus alten Bäume steht. Von dort geht es im Halbdunkel über feuchte glitschige Stufen weiter in die angrenzende große Grotte. Wir machen schöne Bilder aus der feuchten dunklen Grotte in den dunstigen heißen Tag hinein, durch den die Menschen uns entgegen in die Tiefe steigen. Nach dem Aufstieg sind wir schweißnaß und stärken uns alle mit kühlem schaumigem Ayran.
Danch fahren wir weiter in eine sehr schöne Tropfsteinhöhle (Astim Magarasi) und suchen auch hier alle Ecken ab.
Nach so viel Besichtigungen wollen wir in die Natur. Wir fahren entlang eines tiefen langgestreckten Tals bzw. einer Schlucht im Taurus, die der Lamasfluß gebildet hat, durch die grüne Landschaft. Wir kommen an den sogenannten “Doktorsplatz”. Hier entspringt in den Bergen ein wunderbarer, kräftiger, klarer Fluß unter prächtigen alten Bäumen. In seinen breiten Lauf wurden in das flache Wasser kleine Holzinseln auf kurzen Stelzen gebaut, durch Stege verbunden. Hier saßen wir inmitten des kühlen Wassers nahe einer Felswand im Schatten und haben Lammkotletts und Salat gegessen. Danach gab es die mitgebrachten Kirschen von Mines Mutter und Tee. Mine und ich und Sude spielen ein bißchen am/im Wasser und Sude und ich üben später Zählen auf Türkisch mit Mines Hilfe.
12.7.09 Erdemli
Mehrfach haben wir versucht zu erfahren, wann Ramazan (Mines Exmann) plant, nach Erdemli zu kommen. Wir hätten dann zeitnah das Feld geräumt. So war der Plan. Unsere Sms-Anfragen wurden aber in diesem Punkt von ihm nicht beantwortet.
Heute morgen hat er früh gegen sieben versucht, uns zu erreichen. Als wir das wenig später auf dem Display sehen, rufen wir zurück und erfahren, daß er schon bei Mines Mutter im Dorf übernachtet hat und gerade frühstückt und dann losfährt und seine Schwester und einen Freund mitbringt. Uns steht der Mund zunächst offen, obwohl überrumpelt von den Ankündigungen beginnen wir gleich mit Wischen und Putzen und Aufräumen. Noch bevor wir an diesem Morgen einen Happen gegessen haben, klopft es an der Tür. Die Okkupation erfolgt durch Ramazan, seine Schwester Serife, deren fünfjähriges Enkelkind Sude und einen Freund von Ramazan aus dem Dorf. Sie bringen eine ganze Kiste Kirschen von Mines Mutter mit, Unruhe und die Unsicherheit wie sich die Verhältnisse neu ordnen werden. Sude drückt sich schweigend herum, ein süßes, dünnes, braunäugiges, wachsames Kind. Mit Ramazan ziehen in kürzester Zeit ein: verschiedene ultimative Insektenvertilgungsmittel (“keine Fliege oder Mücke oder Ameise mehr für mindestens ein halbes Jahr”), eine große Palette Eier, mehrere Kilo Grillfleisch, Käse, Oliven, Tomaten im Format einer Großfamilie. Der Kühlschrank tut was er kann für die Errungenschaften. Die bisherigen Proportionen verschieben sich rasant. Wer gewohnt ist Maß zu nehmen, ist verwirrt von den eingeholten Mengen. Alles ruht diesbezüglich in Ramazans Händen. Der Freund ist überwiegend wortlos und verfällt kurz nach der Ankunft in den ersten langen Tagschlaf, aus dem man ihn in den kommenden Tagen nur ab und zu erwachen sieht zum Essen und Rauchen. Ansonsten ist er nett. Was hat der Mann? Er ist blaß und matt. Er ist u.a. Fahrer für einen “professionellen” Kartenspieler, nachts bestimmt oft wach, hat aber auch viel Land und verleiht im Dorf Geld. Serife mag ich sehr gern, kenne sie von einem Besuch schon, aber kann mich leider nicht unterhalten wegen der Sprachbarriere. Ich suche mir Sude aus. Sie will nicht in den Pool, weil sie keinen Bikini hat und in Unterhose geht sie nicht. Ich bitte Mine, sie zu fragen, ob sie mit mir losgehen will, um einen Bikini zu kaufen. Sie will. Toll. Wir beide ziehen Hand in Hand los zum nächsten Laden. Ich bin froh, etwas tun zu können. Einem Kind fällt auch nicht so auf, das man nicht die gleiche Sprache spricht (Später habe ich sie mal fragen lassen, ob sie eine Idee hat, warum ich ganz anders spreche als sie. Hatte sie nicht. Aber es war auch keine entstandene Frage für sie.). Wir kaufen einen ganz süßen Bikini mit einer Hose wie ein Röckchen, eine Taucherbrille und einen Schwimmring und sind beide seelig. Danach wird die Planung des Tages einfacher. Wir gehen mit Mine und dem Kind ins Meer. Serife steht am Strand. Sude will nur auf dem Arm ins Wasser, kann ja nicht schwimmen und ist mit dem Medium auch nicht vertraut. Fortan hängt entweder an Mines oder meinem Hals ein Paar dünne Arme , das der mal juchzenden, mal ängstlichen Sude gehört. Wir haben viel Spaß. Danach gehen wir noch in den Pool am Haus, Mine und ich schwimmen im großen Becken und das Kind ist im Nichtschwimmerbecken mit den anderen Kindern. Sie ist glücklich und wir kriegen etwas ab von ihrem Glücklichsein und Unbeschwertsein. Danach wird auf dem Balkon gegrillt, Lammspieß. Dazu Salat und Brot. Es ist sehr lecker. Gegen abend gehen wir nochmals ans Meer mit Sude und Serife und hören danach drei jungen Musikern auf der Promenade in der Abendsonne zu. Sude will unsere Münzen nicht in den Gitarrenkoffer der Musiker werfen, lieber Dondurma (Eis) kaufen dafür. Also dann...
Heute morgen hat er früh gegen sieben versucht, uns zu erreichen. Als wir das wenig später auf dem Display sehen, rufen wir zurück und erfahren, daß er schon bei Mines Mutter im Dorf übernachtet hat und gerade frühstückt und dann losfährt und seine Schwester und einen Freund mitbringt. Uns steht der Mund zunächst offen, obwohl überrumpelt von den Ankündigungen beginnen wir gleich mit Wischen und Putzen und Aufräumen. Noch bevor wir an diesem Morgen einen Happen gegessen haben, klopft es an der Tür. Die Okkupation erfolgt durch Ramazan, seine Schwester Serife, deren fünfjähriges Enkelkind Sude und einen Freund von Ramazan aus dem Dorf. Sie bringen eine ganze Kiste Kirschen von Mines Mutter mit, Unruhe und die Unsicherheit wie sich die Verhältnisse neu ordnen werden. Sude drückt sich schweigend herum, ein süßes, dünnes, braunäugiges, wachsames Kind. Mit Ramazan ziehen in kürzester Zeit ein: verschiedene ultimative Insektenvertilgungsmittel (“keine Fliege oder Mücke oder Ameise mehr für mindestens ein halbes Jahr”), eine große Palette Eier, mehrere Kilo Grillfleisch, Käse, Oliven, Tomaten im Format einer Großfamilie. Der Kühlschrank tut was er kann für die Errungenschaften. Die bisherigen Proportionen verschieben sich rasant. Wer gewohnt ist Maß zu nehmen, ist verwirrt von den eingeholten Mengen. Alles ruht diesbezüglich in Ramazans Händen. Der Freund ist überwiegend wortlos und verfällt kurz nach der Ankunft in den ersten langen Tagschlaf, aus dem man ihn in den kommenden Tagen nur ab und zu erwachen sieht zum Essen und Rauchen. Ansonsten ist er nett. Was hat der Mann? Er ist blaß und matt. Er ist u.a. Fahrer für einen “professionellen” Kartenspieler, nachts bestimmt oft wach, hat aber auch viel Land und verleiht im Dorf Geld. Serife mag ich sehr gern, kenne sie von einem Besuch schon, aber kann mich leider nicht unterhalten wegen der Sprachbarriere. Ich suche mir Sude aus. Sie will nicht in den Pool, weil sie keinen Bikini hat und in Unterhose geht sie nicht. Ich bitte Mine, sie zu fragen, ob sie mit mir losgehen will, um einen Bikini zu kaufen. Sie will. Toll. Wir beide ziehen Hand in Hand los zum nächsten Laden. Ich bin froh, etwas tun zu können. Einem Kind fällt auch nicht so auf, das man nicht die gleiche Sprache spricht (Später habe ich sie mal fragen lassen, ob sie eine Idee hat, warum ich ganz anders spreche als sie. Hatte sie nicht. Aber es war auch keine entstandene Frage für sie.). Wir kaufen einen ganz süßen Bikini mit einer Hose wie ein Röckchen, eine Taucherbrille und einen Schwimmring und sind beide seelig. Danach wird die Planung des Tages einfacher. Wir gehen mit Mine und dem Kind ins Meer. Serife steht am Strand. Sude will nur auf dem Arm ins Wasser, kann ja nicht schwimmen und ist mit dem Medium auch nicht vertraut. Fortan hängt entweder an Mines oder meinem Hals ein Paar dünne Arme , das der mal juchzenden, mal ängstlichen Sude gehört. Wir haben viel Spaß. Danach gehen wir noch in den Pool am Haus, Mine und ich schwimmen im großen Becken und das Kind ist im Nichtschwimmerbecken mit den anderen Kindern. Sie ist glücklich und wir kriegen etwas ab von ihrem Glücklichsein und Unbeschwertsein. Danach wird auf dem Balkon gegrillt, Lammspieß. Dazu Salat und Brot. Es ist sehr lecker. Gegen abend gehen wir nochmals ans Meer mit Sude und Serife und hören danach drei jungen Musikern auf der Promenade in der Abendsonne zu. Sude will unsere Münzen nicht in den Gitarrenkoffer der Musiker werfen, lieber Dondurma (Eis) kaufen dafür. Also dann...
Freitag, 17. Juli 2009
11.7.09 Erdemli
Wir kommen erst am 16.07. dazu über diesen Tag zu schreiben. Leider kommt es nach jedem Aufholen der Versäumnisse im Blog gleich zu einem neuerlichen Schlendrian. Über diesen Tag erinnern wir in der Hauptsache, daß es abends sehr leckere grüne Bohnen gab und wir lange am Strand waren (nachdem wir spät losgegangen sind), wo ich ein Eishörnchen mit ganzen schokoladeummantelten Haselnüssen gegessen habe und Mine Pistazieneis. Das Erinnern ist oft beschämend dürftig.
Habe den englischen Harry Potter aus dem Iran angefangen und kämpfe noch mit den vielen unbekannten Worten. Mine hat auch ein neues Buch (Kumru ile Kumru) und erzählt mir daraus.
Habe den englischen Harry Potter aus dem Iran angefangen und kämpfe noch mit den vielen unbekannten Worten. Mine hat auch ein neues Buch (Kumru ile Kumru) und erzählt mir daraus.
10.7.09 Erdemlı
Es fängt damit an, daß wir vom Strand heimkehrend nicht mehr schaffen, die Bohnen zu kochen. Essen nur eine Kleinigkeit kalt und duschen und gehen los, um einen guten Platz für das Konzert im Gartencafe von Flamingo 4 zu bekommen. Eine Gruppe aus Urfa wird spielen. Wir haben vor einigen Tagen die Plakate gesehen und heute im Meer schon den badenden Keyborder kennengelernt. Die Gruppe spielt also speziell Musik aus der Region Urfa, natürlich über die Liebe, die Heimat, das Essen, die Natur. Eigentlich singen die Urfa-Musiker im Chor, diesmal gibt es aber einen Sänger mit Mikro. Folgende Instrumente sind vertreten: Davul (große Trommel, von zwei Seiten mit Fell bespannt, die eine Seite wird mit einem kräftigen gebogenen Stock bespielt, die andere mit einer dünnen Gerte), Surna (Blasinstrument, ein bißchen wie Oboe, nur kürzer und keine Metallklappen), Geige, Darbuka (kleine Trommel, die man unter den Arm klemmt und mit beiden Händen spielt), Keybord, zwei verschiedene Saz (Seiteninstrument mit langem Hals, zupft man). Das Café füllt sich langsam und wir kommen in Stimmung. Bestellen Nagile und Pommes und knabbern Kerne und trinken was. An den Nebentischen wird die ein oder andere Flasche Raki bestellt und man lockert sich gebührend. Der Davulspieler steigt irgendwann von der Bühne und beginnt den Leuten einzuheizen. Um ihn kristallisieren sich die Tänzer, die ersten tanzen alleine mit Taschentücher in beiden Händen, dann bildet sich ein Kreis und ab geht es mit Halay. Ich gucke mir das ganze an. Schicke Mine vor, sie hält sich gut wie immer. Dann wird auf der Bühne begonnen die Kultmahlzeit aus Urfa zu bereiten: cigköfte. Die Männer knien auf der Bühne und kneten das rohe fein gehackte Fleisch mit Bulgur (Weizengrütze) und Gewürzen. Danach tanzen die Meister des Cigköfte mit ihren vollen Tepsis, was das Zeug hält zwischen den Tischen, um zu zeigen daß Cigköfte berit ist gegessen zu werden. Dann werden kleine Köfte gemacht und an den Tischen verteilt. Danach kocht das Blut erst Recht. Ich probiere es auch, finde es aber unerträglich scharf. Mine kann es scheinbar häppchenweise genießen. Ich wage mich irgendwann auch vor zum Tanzen. Die Musik ist ohrenbetäubend. Es ist ein einziges Zerren und Puffen und hitziges im Kreis Dahintreiben. Ich habe Mühe, den Schritt zu halten. Dazu abendliche Temperaturen von bestimmt noch 35°C. Inzwischen haben wir den Teil erreicht, wo man Musikwünsche äußern kann. Die Leute gehen vor und wünschen sich ihr Lied. Die Musiker spielen mehrere Stunden ohne eine einzige Pause (damit das Blut nicht runterkocht). Nach einigen Stunden bin ich fertig mit den Nerven. Meine Ohren wollen zugehalten werden. Ich komme dem nach, was Mines Stimmung nicht weiter anheizt. Die Musik dröhnt. Ich finde doch, daß die Türken Wilde sind. Ich erkläre Mine -halb im Spaß- zur Erläuterung meiner Verfassung, daß ich so langsam erwartet hatte, daß angesichts der guten Stimmung die ersten Schüsse fallen. Ich kenne das von Mines Musikkassetten. Wenn das Blut so richtig wallt, schießt jemand in die Luft, aus Übermut und Lebensfreude oder doch eher Leidenschaft und Heimatliebe). Ramazan hat später erzählt, die Gruppe käme jedes Jahr. Im letzten Jahr ist es tatsächlich zu Streitigkeiten gekommen, die sich an unterscheidlichen Liedwünschen entzündeten. Die Männer aus Urfa sind gehäuft Machos. Es gibt hierachisch organisierte Clans (Asiret) mit mafiösen Strukturen, hier gibt es Blutrache und Ehrenmorde und Familien, die Mitglieder in den Suizid zwingen. Ein für uns etwas bizarrer Ehrbegriff hat dort Raum. Jedenfalls hat einer der Beteiligten am Streit dreimal auf den anderen Mann geschossen. Unser Abend endete mit dröhnenden Ohren, aber deutlich friedlicher.
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